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kurt prohaska – jazz piano : my story

Die Frage ist ...

Kann ein kleiner österreichischer Jazzpianist, der Musik nicht von Anfang an als seinen Beruf gewählt hat, in das Zentrum der Jazzgeschichte vorstoßen? Kann er die Standards des Great American Songbooks im Sinn ihrer Komponisten interpretieren und das so frisch und eigenständig, als wären sie erst gestern geschrieben worden? Kann er die Innovationskraft von Fats Waller, Duke Ellington, Thelonious Monk, Charlie Parker, Miles Davis und vielen anderen Jazz-Legenden in sein Spiel einfließen lassen und aus all diesen Einflüssen vielleicht sogar einen persönlichen Stil entwickeln? Kann er darauf verzichten, als besonders hip, unkonventionell, avantgardistisch wirken zu wollen, und schlicht und einfach Jazz spielen, der heute bereits als klassisch gilt und von den meisten Menschen – nicht nur Jazz-Fans – als zeitlos schön wahrgenommen wird?

Die Antwort lautet ...

Er kann, wenn er das unbeschreibliche Glück hatte, über Jahrzehnte hinweg eine Jazzlegende als besten, väterlichen Freund zu haben. In meinem Fall war es der unvergleichliche Pianist, Arrangeur, Komponist und Bandleader Hank Jones (1918-2010). Hank Jones war und ist nicht nur mein "Interface" zu allen Großen der Branche, sondern auch mein Mentor, mein Lehrer, meine Inspiration.

Wie alles begann

Nachdem ich – als reiner Amateurmusiker – in den 1970ern begonnen hatte, meine pianistischen Fähigkeiten in Sachen Jazz zu entwickeln und in diversen lokalen Jazzbands zu erproben, hörte ich 1978 Hank Jones erstmalig live. Wenn es so etwas gibt wie "Liebe auf den ersten Ton", dann hatte ich in dieser Sekunde meinen musikalischen Vater gefunden.

Über die damals schon zahlreich vorhandene Alben – noch Schallplatten und nicht CDs – lernte ich die musikalische Welt von Hank Jones kennen: die Swing-Ära, die Zeit des Bebop, die Entwicklungen danach, die Einflüsse des Blues und der lateinamerikanischen Musik. Und mit ihm, der wie kein zweiter die Brücke zwischen Swing und Modern Jazz schlagen konnte, all die Jazz-Legenden des vorigen Jahrhunderts.

Je mehr ich mich mit meinem Vorbild beschäftigte, umso mehr lernte ich seine Art zu schätzen, das Beste aus der Entwicklung des Jazzpianos zu einem unnachahmlichen persönlichen Stil zu formen: ich hörte Fats Waller, Teddy Wilson, Earl Hines, Art Tatum, Ellington, Monk, Bud Powell, Al Haig und viele andere in seinem Spiel.

Die Geburt einer Freundschaft

1987 war es dann soweit: in der Widderbar in Zürich (Schweiz) konnte ich meinem Idol erstmals seine begnadeten Hände schütteln. Aus dieser ersten Begegnung von Angesicht zu Angesicht entwickelte sich eine Freundschaft, fast ein Vater-Sohn-Verhältnis, das die folgenden 23 Jahre bis zum Tod "meines" Hank prägen sollte.

"Interface"

Ich reiste zu so vielen Konzerten von Hank Jones, wie ich nur konnte – egal, wo auf der ganzen Welt sie stattfanden. Ich lernte seine Mitmusiker persönlich kennen und schätzen: zum Beispiel den grandiosen Bassisten und jahrzehntelangen Weggefährten George Mraz, weitere Bass-Spieler wie Buster Williams, Dave Holland oder Ray Drummond, Schlagzeuger wie Carl Allen, Dennis Mackrel, Idris Muhammad, Keith Copeland, Alvin Queen, Kenny Washington, Joe LaBarbera, Lewis Nash oder Willie Jones III, den Saxophon-Giganten Joe Lovano, die Sängerin Roberta Gambarini. Ich saß dank Hank mit Ray Brown (b), Mickey Roker (dm), John Lewis (p), Steve Kuhn (p), Don Friedman (p), Ornette Coleman (saxes) und vielen anderen Weltklasse-Musikern zusammen an einem Tisch. Ich begleitete Hank ins Studio und rettete einmal eine Aufnahme-Session.

Ich durfte zusammen mit meiner Frau und meiner Tochter die Gastfreundschaft Hanks und seiner Frau Teddie in ihrem Haus in Cooperstown (NY) in Anspruch nehmen. Ich besuchte Hank in seinem Appartement in Manhattan. Ich hatte Hank mehrere Male zu Gast bei mir und meiner Familie in Wien. Ich nahm Stunden bei ihm, sammelte und sammle sämtliches Material, das ich über ihn bekommen kann, insbesondere seine CDs und Videos. Ich transkribiere seine Klavierstimmen. Und ich bin wahrscheinlich einer der ganz Wenigen auf dieser Welt, die im (legalen) Besitz handschriftlicher Original-Kopien von Kompositionen und Arrangements des Meisters sind. Sein "Interface" – ein 24-taktiger Blues in Moll mit einer genial einfachen Stimmführung und einzigartigen Harmonien – ist eine dieser Kompositionen und symbolisiert unsere enge Beziehung am treffendsten.

Kurt Prohaska Trio

Mit diesem Rüstzeug ausgestattet wagte ich mich 1999 daran, mein eigenes Trio zu gründen. Es freut mich unendlich, dass ich in der Zwischenzeit, wenn auch lokal begrenzt, den Weg in die besten Veranstaltungslokale gefunden habe und dass es mir gelingt, absolute Profi-Musiker – zum Teil international tätige und renommierte – für mein Trio gewinnen zu können. Es ist mein Wunsch, im Rahmen meines sehr flexiblen Band-Konzepts immer wieder mit neuen Spitzenmusikern arbeiten zu können.

Celebrating the great Hank Jones

Als mein lieber Freund Hank Jones am 16. Mai 2010, fast 92-jährig, verstarb, war der Tag gekommen, der einmal kommen musste und den ich trotzdem so gefürchtet hatte. Aber trotzdem darf ich nicht unglücklich sein: Hank starb in Friede und Würde, war bis knapp vor seinem Tod "on stage" und hinterlässt ein gigantisches musikalisches Erbe. Und welchem Menschen ist es schon beschert, sein großes Vorbild erst in dessen 69. Lebensjahr kennenzulernen und es dann noch so lange und so nahe bei und um sich haben? Welch ein zusätzliches Glück, dass diese gemeinsame Zeit in die kreativste Lebensperiode des Meisters fiel. Ich werde noch mein Leben lang brauchen, auch nur einen Bruchteil dessen in mich aufzunehmen, umzusetzen und vielleicht auf meine Art weiterzuentwickeln, was Hank mir und der Nachwelt an Musik, Musikalität, Kreativität, Menschlichkeit, Weisheit und Humor hinterlassen hat.

Mit dem Tod meines Mentors hat sich mein Entschluss gefestigt, mich nun professionell der Musik zu widmen. Ich will – mit den bescheidenen mir zur Verfügung stehenden Mitteln – den Geist von Hank Jones weitertragen. Was das für mich heißt, lesen Sie unter my ambition.

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